Anfang und Ende reichen sich die Hände

Author: raz0r  //  Category: raz0r

Wie für alle Pokerspieler der Schweiz, war auch für mich der Dienstag (1. Juni 2010) einer der schwärzesten Tage meines Lebens. Nein, nicht weil Federer und die Schweizer Nationalmannschaft kläglich versagt haben, sondern dass das Bundesgericht von einem Tag auf den anderen unser liebstes Hobby verbot!

Ich kann diesen Entscheid, wie er ausgeführt und kommunziert wurde nicht verstehen, auch ab wann das Urteil, nämlich AB SOFORT, gültig ist hat mich sehr erschüttert. Keine An- und Umgewöhnungszeit, für die Veranstalter keine Möglichkeit sich darauf ein bisschen vorzubereiten, einfach nichts. Ich habe fast das Gefühl, dass diese Herren beim Bundesgericht sich gar nicht dafür interessierten, was in der Pokerlandschaft Schweiz überhaupt alles entstanden ist. Für mich macht es fast den Eindruck, dass das Bundesgericht sich nur auf die Meinung von SCV-Geschäftsführer Marc Friedrich (welcher wohl auch keinen Plan hat was in der Pokerszene Schweiz alles passiert ist, geschweige davon, dass er nicht einmal wusste das ich an der SPM-Glücksspielmeisterschaft 3 von 7 Titeln holen konnte, mit Glück offensichtlich!) gestützt hat und gar nicht auf Andere gehört hat.

Wie das Bankgeheimnis, welches von einem Tag auf den Anderen von wenigen Personen in der Schweiz gekippt werden konnte. Ich dachte immer wir sind ein demokratisches Land. Forget it!

Dabei hat sich doch alles schön entwickelt, vor 3-4 Jahren habe ich mit Kollegen begonnen in Küchen und Gartenhäusern zu spielen, ohne Regelkenntnisse, um minimale Beträge. Ich gehörte zu den Personen welche öfters gewannen als verloren und war für neue Anforderungen bereit. Ich las ein paar Bücher, habe mich im Internet informiert, Poker-Videos geschaut und so weiter und so fort. Als nächster Schritt, meine erste Station ausserhalb der Homegames, war das Casino in Baden. Vorher habe ich keinen Grund gesehen ins Casino zu gehen. Somit war dies auch ein besonderes Erlebnis; schön Anziehen, Pokern mit Dealern, andere Gesichter sehen und so weiter. Über Blindstrukturen, Deepness hatte ich keinen Plan, somit war es mir auch egal mit 2000 Chips zu starten mit 15 Minuten Blinds. lol! Der Blind 10/20 ist heute in der Schweiz gar nicht mehr bekannt. Ich wartete auf meine Asse und Könige (mache ich heute noch!) und schied dann trotzdem damit aus… :)

Meine zweite Station war ein Turnier in Friedrichshafen, wo ich mit einem Kollegen über den Bodensee fuhr um ebenfalls ein Freeroll zu spielen, wo es nebenbei noch einen Pokal und ein Ticket für einen Final zu gewinnen gab, wo es eine Reise zu gewinnen gab. Mein Kollege gewann dann prompt dieses Turnier! Ich wiederum schied mit einem Nutflush gegen einen Straithflush aus, ich weiss es noch wie wenn es gestern gewesen wäre!

Wie aus dem nichts, wurde dann bekannt, dass Poker in der Schweiz jetzt auch ausserhalb der Casinos erlaubt sei, zuerst nur als Freerolls, anschliessend auch um Geldpreise. Für mich war es das Paradies! Vorallem mein Wohnort bot mir die Möglichkeit, in der Nähe zu Pokern.

Ich fing mit 20 Franken Self-Dealing-Turnieren bei den Swissgamblers an, gewann dort kontinuierlich und stieg auf 50/100/200 Franken Turniere um und spielte anschliessend hauptsächlich gedealte Turniere bei HeadZH-Up.ch und ValuePoker. Viele andere Veranstalter habe ich auch besucht, wenn spezielle Events wie Deepstacks anstanden. Unter anderem die Swiss Poker Lounge, Pokertour, Poker Palace und House of Poker. Überall fühlte ich mich sofort willkommen und lernte neue Leute kennen.

Und seit letztem Dienstag, wurden alle diese schönen Erinnerungen und Erfahrungen auf einen Schlag zunichte gemacht. Ich weiss leider nicht wie es weitergehen soll, wieder ins Casino, wo ich meine erste Pokererfahrung machte, aber mich nie zuhause fühlte? Oder wieder in mein Zimmer an den Notebook verkriechen? Oder wieder an Turnieren teilnehmen wo ich nie weiss, wer genau das Geld hat, ob jemand zusätzlich Chips holen kann?

Im Moment weiss ich es nicht, ich stehe immer noch unter Schock.

Letzten Mittwoch habe ich wohl mein letztes Live-Poker-Turnier in der Schweiz bestritten, bei meinem Stammklub ValuePoker. Es nahmen 98 Leute am Turnier teil, Rekord! Ich sass an meinem Tisch ab, von 10 Spielern kannte ich über die Hälfte, erst so mit der Zeit wurde mir bewusst, das alles was ich jetzt mache das letzte Mal sein könnte. Es wurde noch ein bisschen geplaudert, noch Witze über das Glücksspiel gemacht und man merkte es allen Teilnehmern an, das etwas Grosses begraben wird. Viele Leute die man kennen und schätzen lernte, einen Treffpunkt hatte, all dies wird einem auf einen Schlag unter den Füssen weggerissen.

Ich hoffe, das jetzt die richtigen Leute das Steuer in die Hand nehmen und etwas bewegen können. Ich bezweifle aber, das schnell eine Lösung gefunden wird, da die Mühlen bekanntlicherweise in der Schweiz doch sehr langsam mahlen… Eine der einzigen, sinnvollen Gruppen denen ich auf Facebook beigetreten bin, ist diese “Pokern fürs Schweizer Volk”-Gruppe, von den anderen halte ich nicht allzu viel, da diese ohne Ideen und Lösungsvorschläge an die Sache rangehen und zum Teil nur darauf aus sind, viele Mitglieder zu sammeln. Alles Kurzschlusshandlungen, die unter Emotionen entstanden.

Naja, dann bleibe ich halt wie die ZSC-Lions (Champions League Sieger im Eishockey) erster und einziger dreifacher Swiss Poker Champion.

Cheers!
raz0r

2 Responses to “Anfang und Ende reichen sich die Hände”

  1. pitschsen Says:

    nice blog… sehe es auch so, dass es eher schwer wird was zu unternehmen.

    Ich werde wohl auch einziger 2 facher schweizer Vize-Pokoer Champion bleiben ;-(

  2. choeli Says:

    für immer i dä gschichtsbuecher….wärsch wohl eh bliebe!

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